IB ISO 9001 Builder Jetzt starten
ISO 9001 BuilderRatgeber › "Prozesslandkarte erstellen: Anleitung mit Beispiel für Produktionsbetriebe"

"Prozesslandkarte erstellen: Anleitung mit Beispiel für Produktionsbetriebe"

Von Dario Tomas · Digital Airways GmbH · 16.07.2026

Die Prozesslandkarte ist das Herzstück eines Qualitätsmanagementsystems – und für viele KMU der erste Punkt, an dem ISO 9001 greifbar wird. Sie zeigt auf einer einzigen Seite, wie Ihr Betrieb tatsächlich funktioniert: welche Abläufe es gibt, wie sie zusammenhängen und wo ein Auftrag von der Anfrage bis zur Rechnung durchläuft.

Die gute Nachricht: Eine brauchbare Prozesslandkarte entsteht in ein bis zwei Tagen. Die schlechte: Genau hier entstehen die Fehler, die später im Audit teuer werden – meist, weil ein Lehrbuch-Ideal gezeichnet wurde statt der echten Realität.

Was die Norm verlangt – und was nicht

ISO 9001:2015 fordert in Kapitel 4.4 einen prozessorientierten Ansatz. Sie müssen die für Ihr QMS erforderlichen Prozesse bestimmen, ihre Reihenfolge und Wechselwirkung festlegen, Kriterien und Kennzahlen definieren, Ressourcen und Verantwortlichkeiten zuordnen sowie Risiken und Chancen berücksichtigen.

Bemerkenswert ist, was nicht verlangt wird: Das Wort «Prozesslandkarte» kommt in der Norm gar nicht vor. Gefordert ist die dokumentierte Information in dem Umfang, der zur Durchführung der Prozesse nötig ist – die grafische Landkarte ist die etablierte und praktisch bewährte Form, diese Wechselwirkungen zu zeigen. Kein Auditor wird eine bestimmte Darstellungsform vorschreiben. Aber praktisch jeder erwartet ein Bild, das er in zwei Minuten versteht.

Daraus folgt eine Freiheit, die viele Betriebe nicht nutzen: Sie dürfen die Landkarte so zeichnen, wie Ihr Betrieb wirklich tickt.

Die drei Ebenen: Führung, Kern, Unterstützung

Der Standardaufbau gliedert Prozesse in drei horizontale Bänder:

Führungsprozesse (oben) steuern den Betrieb: strategische Planung, Managementbewertung, interne Audits, Ressourcenplanung, kontinuierliche Verbesserung. Sie erzeugen keinen direkten Kundennutzen, geben aber die Richtung vor.

Kernprozesse (Mitte) erzeugen den Wert für den Kunden. Sie laufen von links nach rechts – vom Kundenbedürfnis zur Kundenzufriedenheit. Das ist die Wertschöpfungskette Ihres Betriebs.

Unterstützungsprozesse (unten) machen die Wertschöpfung möglich: Personal, IT, Instandhaltung, Prüfmittelverwaltung, Dokumentenlenkung, Beschaffung von Hilfsstoffen.

Links steht der Kunde mit seinen Anforderungen, rechts der Kunde mit seiner Zufriedenheit. Dazwischen fliesst der Wert. Dieses Bild ist so verbreitet, weil es funktioniert – Sie müssen das Rad nicht neu erfinden.

Beispiel: Prozesslandkarte eines Metallverarbeiters

Nehmen wir einen typischen Schweizer Produktionsbetrieb mit 35 Mitarbeitenden, der Baugruppen nach Kundenzeichnung fertigt.

Ebene Prozesse
Führung Strategie & Ziele · Managementbewertung · Internes Audit · Verbesserung/KVP
Kern Anfrage & Offerte → Auftragsprüfung → Arbeitsvorbereitung → Fertigung → Prüfung & Freigabe → Versand → Reklamationsbearbeitung
Unterstützung Personal & Kompetenz · Beschaffung & Lieferantenbewertung · Instandhaltung · Prüfmittelüberwachung · IT & Dokumentenlenkung

Sechs bis sieben Kernprozesse – mehr braucht dieser Betrieb nicht. Genau das ist der Punkt, an dem viele KMU über das Ziel hinausschiessen.

Wie viele Prozesse sind richtig?

Als Faustregel gilt: vier bis acht Kernprozesse für ein typisches KMU. Wer zwölf Kernprozesse zeichnet, hat meist Tätigkeiten mit Prozessen verwechselt. «Schweissen» ist kein Prozess, sondern ein Arbeitsschritt innerhalb der Fertigung. «Rechnung schreiben» ist eine Tätigkeit, kein Prozess.

Ein Prozess hat einen definierten Auslöser, ein definiertes Ergebnis, einen Verantwortlichen und überschreitet in der Regel eine Bereichsgrenze. Wenn Sie unsicher sind, hilft ein Test: Können Sie sagen, wann dieser Prozess beginnt, wann er endet und wer für sein Ergebnis geradesteht? Wenn nein, ist es keiner.

Umgekehrt gilt auch: Eine Landkarte mit nur zwei Kernprozessen («Produktion», «Verkauf») ist zu grob, um Wechselwirkungen zu zeigen. Das Ziel ist eine Seite, die ein neuer Mitarbeitender versteht – nicht ein Organigramm und nicht ein ERP-Datenmodell.

Der Prozesssteckbrief: wo die eigentliche Arbeit steckt

Die Landkarte allein genügt nicht. Kapitel 4.4 verlangt Kriterien, Kennzahlen und Verantwortlichkeiten – und die stehen im Prozesssteckbrief, einem Ein-Seiten-Dokument je Kernprozess. Bewährt hat sich diese Struktur:

Für die Kennzahlen gilt: Eine bis zwei pro Prozess reichen, aber sie müssen erhoben werden. Termintreue in der Fertigung, Angebotsquote im Verkauf, Reklamationsquote nach Versand – Zahlen, die Sie ohnehin schon haben, sind fast immer die besseren Kennzahlen. Erfundene KPIs, die niemand pflegt, fallen im Überwachungsaudit spätestens im zweiten Jahr auf.

In fünf Schritten zur fertigen Landkarte

1. Auftragsdurchlauf nachverfolgen. Nehmen Sie einen echten, abgeschlossenen Kundenauftrag und gehen Sie ihn chronologisch durch: Wer hat wann was gemacht? Diese Kette ist Ihre Kernprozess-Reihe. Das ist zuverlässiger als jedes Brainstorming am Whiteboard.

2. Prozessgrenzen ziehen. Wo wechselt die Verantwortung? Dort verläuft meist eine sinnvolle Prozessgrenze. Schnittstellen sind die Stellen, an denen Fehler entstehen – sie sichtbar zu machen ist der halbe Nutzen der Übung.

3. Führungs- und Unterstützungsprozesse ergänzen. Fragen Sie: Was steuert den Betrieb? Was ermöglicht die Wertschöpfung? Die Norm-Kapitel 7 und 9 sind hier eine gute Gedächtnisstütze.

4. Verantwortliche benennen. Jeder Prozess bekommt genau eine verantwortliche Person. Zwei Namen bedeuten in der Praxis null Verantwortung.

5. Mit den Beteiligten prüfen. Zeigen Sie die Landkarte den Leuten, die darin arbeiten. Wenn der Produktionsleiter sagt «so läuft das bei uns nicht», haben Sie ein Ideal gezeichnet – und im Audit ein Problem.

Die fünf häufigsten Fehler

  1. Das Organigramm als Landkarte. Abteilungen sind keine Prozesse. Prozesse laufen quer durch Abteilungen – das ist ihr ganzer Sinn.
  2. Wunschabläufe statt Realität. Auditoren prüfen die Landkarte gegen das, was Mitarbeitende erzählen. Abweichungen fallen sofort auf.
  3. Kennzahlen ohne Datenbasis. Was Sie nicht messen, dürfen Sie nicht als Kennzahl führen.
  4. Zu viel Detail. Eine Landkarte mit 40 Kästchen liest niemand – auch der Auditor nicht.
  5. Einmal gezeichnet, nie gepflegt. Ändert sich der Betrieb, muss die Landkarte nachgeführt werden. Wie Sie Versionen und Freigaben ohne Bürokratie im Griff behalten, gehört zur Dokumentenlenkung nach 7.5.

Zeitaufwand und Einordnung

Für ein KMU sind zwei bis vier Tage realistisch: ein Tag für die Landkarte selbst, je ein bis zwei Stunden pro Prozesssteckbrief, plus die Abstimmungsrunde. Das deckt sich mit Schritt 3 des 8-Schritte-Fahrplans zur Einführung ohne Berater und fällt in die Aufbauphase des typischen Zertifizierungs-Zeitplans.

Der Aufwand lohnt sich doppelt. Die Prozesslandkarte ist nicht nur ein Auditgegenstand: Sie ist die Grundlage für Ihre Risikoanalyse, Ihre Qualitätsziele und Ihre interne Auditplanung. Wer sie sauber macht, spart in allen folgenden Kapiteln Zeit.

Beim Zeichnen selbst ist heute weniger Handarbeit nötig als früher. KI-gestützte Werkzeuge können aus einer Beschreibung Ihres Auftragsdurchlaufs einen strukturierten Vorschlag für Landkarte und Steckbriefe erzeugen, den Sie anschliessend an Ihre Realität anpassen. Der fachliche Kern bleibt Ihre Aufgabe – aber Sie starten mit einem Entwurf statt mit einem leeren Blatt.

ISO 9001 ohne teuren Berater — mit KI Schritt für Schritt zum Ziel

Der ISO 9001 Builder erklärt jede Anforderung laienverständlich und erstellt Ihre komplette QMS-Dokumentation per KI-Interview – zugeschnitten auf Ihren Betrieb, bis zur Zertifizierungsreife.

Plattform ansehen →